Kunst folgt dem inneren Drang - das kulturpolitische Vermächtnis von Ulrich Eick-Kerssenbrock

Ulrich Eick-Kerssenbrock, Solinger Tageblatt vom

Das ständige Hinterfragen nach dem Sinn öffentlich geförderter Kunst und Kultur, ja selbst nach kultureller Bildung, die immer wiederkehrende Frage, ob sich die Gesellschaft diese Bereiche noch leisten kann, die mehr oder weniger laut ausgesprochene Drohung, auch ganze Kultureinrichtungen zu schließen, verkennt die existentielle Bedeutung von Kunst und Kultur und ihre Wirkung auf und in unsere Gesellschaft.

Es gibt keine Legitimation für Kunst außer der dem Menschen innewohnenden Notwendigkeit, sie auszuleben. Man muss sich fragen, was den Menschen der Vorzeit bewogen hat, Tierzeichnungen auf Höhlenwänden vorzunehmen. Hatten diese Zeichnungen kommunikative Gründe, wollte der Zeichner dem Betrachter also etwas mitteilen im Sinne einer Information? Waren es rituelle Gründe? Oder haben diese Menschen aus inneren Antrieb gehandelt, ohne äußeren Anlass, weil sie den Drang, das Erlebte nun zeichnerisch zu verarbeiten, in sich spürten.

Die ältesten gefundenen Musikinstrumente, Flöten aus Schwanenknochen oder Elfenbein, sind ca. 36.000 Jahre alt. Was kann die damaligen Menschen bewogen haben, Musik zu machen? Wer ist aus welchen Gründen auf den Gedanken gekommen, aus einem Knochen eine Flöte zu machen? Vor kurzem ist in einer Felsengrotte der schwäbischen Alb eine geschnitzte Figurine aus Elfenbein gefunden worden, die einen Frauenkörper zeigt. Diese älteste Darstellung einer Frau ist ca. 40.000 Jahre alt. Warum haben Menschen Zeit damit verbracht, Figuren zu schnitzen? Warum haben Menschen vor tausenden Jahren sich bemüht, Tonkrüge nicht nur funktionell, sondern auch formschön zu gestalten? Warum auf allen Kontinenten gleichermaßen, wo doch kein Bewohner Europas ahnen konnte, das es Amerika überhaupt gibt und umgekehrt.

Warum ging die zunehmende naturwissenschaftliche Neugier des Menschen, die ihn Planetenbahnen erkennen und berechnen ließ, die ihn den Menschen als biologischen Organismus begreifen ließ, die ihn nicht ruhen ließ im Bemühen, Dinge herauszufinden und zu verstehen, immer einher mit einer Weiterentwicklung künstlerischer Fertigkeiten und Fähigleiten? Warum ging gerade die soziale Entwicklung des Menschen, die ihn ethisch denken und sich Regeln für das Miteinanderleben geben ließ, einher mit künstlerischen Leistungen, die uns heute noch staunen lassen?

Der Grund kann nur in einem dem Menschen innewohnenden Drang, vielleicht auch einem Zwang, zum Künstlerischen liegen. Etwas, das dem Menschen als Menschen innewohnt. Der wissenschaftliche, kommunikative Mensch ist auch ein kultureller Mensch, das zu verkennen wäre eine fatale Selbstverleugnung. Der mit anderen Menschen zusammenlebende Mensch braucht offensichtlich Kunst und Kultur wie er Nahrung zu sich nehmen und atmen muss.

Daher können kulturelle Einrichtungen auch nicht nur freiwillige Leistungen einer Gesellschaft sein – auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten muss das erkannt werden. Wir brauchen die Wirkungen von Kunst, wir brauchen die Ideen und Schöpfungen künstlerischer und kreativer Menschen und daher müssen wir sicherstellen, dass diese Menschen die Möglichkeit bekommen, ausgebildet zu werden und für uns alle künstlerisch tätig zu werden.

Wir brauchen die andere Sicht der Dinge, die andere Sicht auf gesellschaftliche Zusammenhänge und die Art, für die wir uns entschieden haben, miteinander zu leben. Wir brauchen diese Sicht, so abseitig sie uns manchmal auch erscheinen mag, die nur die Kunst und der Künstler uns geben kann.

Wir alle brauchen auch die flüchtigen Momente der Vollkommenheit, das
Erleben des Vollendeten. Es macht uns reich und lässt uns manches anders beurteilen. Wir brauchen die in der Kunst liegenden Verweise auf eine jenseitige Welt, die uns helfen können, Antworten auf die Fragen nach unserer Endlichkeit zu finden.

Wir brauchen auch den momentanen Ausdruck von Kraft und Lebensfreude, von schierer Lust am Dasein, von purer Freude am Spiel und am Leben. Wir brauchen den freien Geist und müssen ihm die Möglichkeit geben, sich zu entfalten. Das ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Bei allen Sparzwängen dürfen wir das nie vergessen.

Wir brauchen den Grundschullehrer, der eine Melodie summend zur Arbeit fährt, eine Melodie, die er am Abend vorher in seinem Chor gesungen hat. Wir brauchen den Chirurgen, der nach einem Arbeitstag, an dem er vielleicht mehrfach existentielle Entscheidungen zu treffen hatte, seine Geige oder sein Cello nimmt und in seinem Laienorchester eine Beethovensinfonie probt. Wir brauchen die städtische Angestellte, die zuhause eine kleine Staffelei stehen hat, den Realschüler, der mit seiner Band Songs schreibt, die Rentnerin, die sich im Herbst ihres Lebens in einer Seniorentheatergruppe zu entfalten lernt. Wir alle brauchen das, wir alle profitieren davon.

Vielleicht sollten wir uns einmal eine Stadt ohne Musikschule und Orchester, auch ohne Orchesterverein, deren Spieler ja an Musikschulen ausgebildet werden, vorstellen. Ohne Theater und einer erheblich reduzierten Museumslandschaft. Wenn wir Kunst als eine dem Menschen innewohnenden Zwang begreifen, etwas, das untrennbar zum Menschsein dazugehört, dann haben wir keine lebenswerte Stadt mehr, wir haben eine tote Stadt.

Wir laufen Gefahr, unseren reichen Schatz an Kultur aufs Spiel zu setzten. Unsere Laienchorszene, unsere Orchesterlandschaft mit zahlreichen Schul-, Musikschul- und Erwachsenenensembles, unsere Theaterszene, unsere Museums- ,Galerie- und Atelierwelt. Ein Einsparen auch nur eines Teiles dieser Einrichtungen bedeutet eine Verrohung unserer Welt, wir werden jeden heute gesparten Groschen einst viel teurer bezahlen.

Wir haben mithin nicht nur zu entscheiden, wo wir weiter sparen können, wir haben zu entscheiden, wie wir leben wollen. Wenn wir eine friedfertige, tolerante und nicht zuletzt fröhliche Gesellschaft sein wollen, dann geht das nicht ohne die Nachdenklichkeit und Ernsthaftigkeit, die Lebensfreude und Spiellust der Kunst. Es schließt sich aus.

Wenn wir erkennen, dass die fortschreitende Sozialisierung des Menschen stets mit einer künstlerischen Weiterentwicklung einher gegangen ist, dann bedeutet das im Umkehrschluss, dass ein Reduzieren von Kunst, ein weiteres Einsparen bei kulturellen Einrichtungen, eine Desozialisierung der Bevölkerung, auch unserer Stadtgesellschaft, zur Folge hat.

Wir haben es in der Hand, in welcher Welt und welcher Gesellschaft wir leben wollen. Hören wir auf damit, den Sinn öffentlich geförderter Kunst und Kultur in Frage zu stellen. Hören wir auf, diese sogenannten freiwilligen Leistungen durch immer weitergehende Sparmaßnahmen an den Rand der Handlungsfähigkeit zu drängen. Und lassen wir die Kulturschaffenden endlich in Ruhe ihrer für uns alle so wichtigen Arbeit nachgehen. Das ständige Sich-Legitimieren-Müssen ist lähmend, zermürbend und frustrierend. Fragen wir uns nicht länger, ob wir uns Kunst und Kultur leisten können, fragen wir uns, ob wir es uns wirklich leisten können, auf sie zu verzichten.

Ulrich Eick-Kerssenbrock

Originalbeitrag

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